Der Tod - Das Ende
Ein leises Geräusch zieht mich aus dem unruhigen Schlummern. Letzte Nacht war ein Ringen mit dem Tod. Ich will mich strecken, krümme mich jedoch eher vor dem Schmerz. Mein Körper fühlt sich an wie von 1000 Pfeilen durchbohrt. Mein Schädel brummt, das Atmen fehlt mir schwer, kühler Schweiss tropft von meiner Stirn. Fieber. Langsam versuche ich meine Augen zu öffnen. Es funktioniert nicht. Stattdessen spüre ich ein derbes Brennen in den Augenhöhlen. Wo bin ich? Ich kann mich an nichts erinnern. Ich berühre kurz den Boden mit der Hand. Bei der Bewegung habe ich das Gefühl, in allen Ritzen des Handgelenk befindet sich vertrocknetes Blut. Der Boden fühlt sich uneben, feucht und kühl an. Ich sitze mit dem Rücken zu einer Wand. Ein kurzer Schauder überströmt mein Körper. Die feinen Häärchen auf meinem Arm stellen sich auf. Die feuchtkalte Umgebung ist nicht auszuhalten. Ich weiss weder wer ich bin, noch wo ich mich befinde. In meinem Gehirn befinden sich wirre Gedanken, die ich nicht ordnen kann. Ich höre ein leises Knarren einer Türe die aufgestossen wird und kurz darauf Schritte, die in meine Richtung kommen. Eine starke Hand packt mich an dem Arm und zieht mich hoch. Mir wird schlecht vor Schmerz. Mit einem Ruck schmeisst mich der Unbekannte auf seine Schulter. Er setzt sich in Bewegung. Ich frage ihn nach seinem Namen, kriege aber keine Antwort. Der Weg scheint mir eine Ewigkeit. Langsam höre ich zuerst leises Jubelgeschrei, das stetig lauter wird. Irgendwo in der Nähe muss sich eine grosse Gruppe Menschen befinden. Doch ich bin zu schwach, um mir weiter Gedanken darüber zu machen. Schliesslich stösst der Mann mit einem gewaltigen Tritt eine Türe auf und plötzlich bin ich von vielen Personen umgeben. Ich kann sie zwar nicht sehen, aber dem Lärm nach müssen es hunderte sein. Sie scheinen voller Freude zu schreien. Und was mich noch mehr verunsichert ist, dass der Jubel umso grösser wurde als der Namenlose und ich eintraten. Ich kann leider nicht einzelne Wörter aus dem Getümmel heraushören, aber mir scheint, dass mir die Leute nicht wohlgesinnt sind. Soviel bekomme ich noch mit. Wir gehen genau mitten durch die Menschen hindurch bis wir am Ende des Saales ankommen. Jedenfalls vermute ich das und ob es ein Saal ist, kann ich mit geschlossenen Augen nicht sehen. Ich werde wieder von der Schulter des Mannes heruntergezogen. Ich gebe nur ein kurzes Stöhnen von mir, als ich mit Gewalt auf einen Stuhl geschleudern werde. Hätte ich nicht ohnehin schon nichts gesehen, hätte ich gesagt, mir wäre schwarz vor den Augen geworden. Mit einem Mal beruhigen sich die Leute. Ich kann kaum lauschen, mein Kopf scheint zu pulsieren, jeder Teil meines Körpers, habe ich das Gefühl, fällt gleich ab. Vor Erschöpfung wäre ich fast vom Stuhl gefallen, aber eine eiserne Hand umfasst meine Schulter und drückt so fest zu, dass ich um ein Haar das Bewusstsein verliere.Ich versuche mich zusammenzureissen. Ich weiss noch immer nicht, warum ich hier bin. Eine Stimme durchbricht die Stille: 'Meine Volksgenossinnen und -genossen, auf wenige Stunden bin ich zu Euch gekommen, um in Eurer Mitte wieder die Erinnerung an einen Tag zu erleben, der für uns, für die Bewegung und damit für das ganze deutsche Volk von großer Bedeutung war.' Ich kenne diese Stimme. Aber woher? Irgendwo habe ich sie schon mal gehört. Obwohl ich mich nicht mehr erinnern kann wie die Person aussieht und was sie gemacht hat, fürchte ich mich davor. 'Es war ein schwerer Entschluss, den ich damals fassen musste und mit einer Reihe anderer Kameraden auch zur Durchführung brachte, ein schwerer Entschluss, der aber gewagt werden musste. Wir konnten uns doch nicht einfach unterkriegen lassen von diesen Bastarden aus dem Norden.', erschallte die Stimme erneut. Das Volk jubelte dem Redner zu, als wäre er ein Gott. Wer weiss? Ich glaube ja sowieso nichts mehr. Ich weiss weder was Fantasie, noch was Realität ist. Im Raum wird ohrenbetäubend geschrien, gestampft und geklatscht. Ich habe das Gefühl meine Trommelfelle platzen gleich. Der Sprecher fuhr krächzend fort: 'Aber der Grund warum wir eigentlich da sind ist dieser Rebell dort, der jämmerlich auf einem Stuhl sitzt. Führt ihn weg!' Mein Magen zieht sich zusammen, als diese Worte fallen. Ich spüre, wie sich alle Blicke auf mich wenden. Ich spüre den Hass in den Augen der Anwesenden. Zwei Männer befördern mich eine Treppe hinauf. Das Volk schreit wie wild: 'Tötet ihn! Tötet ihn!' Ich werde auf meine Knie gezwungen. Mein Haupt wird auf den Rand eines Holzbrettes gelegt.Ein Mann stellt sich neben mich. Ich kann seinen ruhigen Atem spüren. Mein Herz beginnt zu schlagen. Ich will doch nur noch wissen, wer ich bin. denke ich voller Verzweiflung, bevor alles zu einem Ende kommt. Die Lautstärke ist nun Unerträglich. Eine Axt, jedenfalls glaube ich, es ist eine Axt, wird hoch geschwungen. Und plötzlich erinnere ich mich. Mir fallen wie Schuppen von den Augen. Ich erinnere mich an den Auftrag der Nordstämme, die Untergrundorganisation NOHDLRI auszuspionieren. Ich erinnere mich an die Festnahme und an die Folter. Ich erinnere mich an die ausgerissenen Finger- und Zehennägel, an die tausend Nadeln in meinem Körper, an all die Knochenbrüche, an das glühende Eisen, das mir das Tageslicht nahm, an alle Peitschenhiebe und alle Fleischfetzen und alles Blut, das es mich gekostet hat, und an alle anderen brutalen Momente. Ich kann alles wieder glasklar vor mir sehen. Und beim Gedanken verdreifacht sich der Schmerz an den wunden Orten wieder. Ich sehe meine Familie vor mir, meine Frau und meine Kinder, die jetzt schon seit Monaten auf mich warten. Ich höre, wie die Schneide die Luft zertrennt und sich meinem Hals nähert. Ich bin ein Rebell und wenn ich dafür sterben muss. Es ist das Ende... das Ende... das E...

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